Seite 37 - Valser Geschichten

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alles Holz spalten, das vor dem Hause liege. Kaum gesagt, begann der
Unheimliche mit der Arbeit. Im Nu war alles Holz gespalten und auf-
geschichtet. Wieder in der Stube, erkundigte er sich nach einem wei-
teren Auftrag. Käme doch unser Herr Pfarrer bald wieder zurück, um
zum Rechten zu sehen, dachte sie, doch bis dahin musste sie halt mit
dem Teufel auskommen.
«Auf dem Dachboden steht eine Truhe voller Korn, du sollst mir
alle Unkrautsamen darin heraus lesen», befahl sie ihm. Der Teufel
zog sich auf den Dachboden zurück. Nach einer halben Stunde
erschien er wieder. Unterm Arm eine Kartane voller Unkrautsamen.
Die Arbeit ist getan, was soll ich noch tun?, erkundigte sich der Satan
nach einem weiteren Auftrage. «Hier», sagte die Köchin, «nimm die-
sen Korb voll schwarzer Wolle. Wasche sie am Brunnen solange, bis
sie weiss geworden ist». Der Satan nahm den Korb unter den Arm
und begann am Brunnen die Wolle zu waschen. Trotz grosser Mühe
wollte und wollte die Wolle nicht weiss werden.
Mittlerweile kehrte der Geistliche von der Messe nach Hause
zurück. Als er in der seltsamen Gestalt am Brunnen den Leibhaftigen
erkannte, wusste er gleich, was geschehen war. Schnell in die Stube.
Dort schlug er Seite 77 des Buches auf, las den Text von hinten nach
vorne, von unten nach oben. Sogleich verschwand der Teufel, wie er
gekommen war. Um weiteres Unheil zu vermeiden warf der Pfarrer
das Buch ins Feuer.
Das Tränen-Tobel
Zwischen den Gemeinden Tersnaus und Camuns ist ein wüstes
Tobel. Es heisst Tränentobel. Vor vielen Jahren sollen hier Jünglinge
und Jungfrauen bei Mondschein «geschlittet» haben. Da hat sich ein
plötzlich erschienener, fremder Jüngling anerboten, den Schlitten zu
lenken. Die Teilnehmer nahmen das Angebot an, worauf der Fremd-
ling mit der ganzen Gesellschaft ins Tobel hinunterfuhr. Die Un-
glücklichen hat man nie mehr gefunden, weder tot, noch lebendig. In
stillen Mondnächten hört man oft ein Weinen und rufen im
«Tränentobel»