Seite 61 - Valser Geschichten

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nisch Schwabencherclers, genannt. In Graubünden hat es wahrschein-
lich schon früher Schwabengänger gegeben. Doch bestehen keine
zuverlässigen Berichte darüber. Da zu dieser Zeit fast nur die Besitzen-
den schreibkundig waren, und dieselben ihre Kinder nicht in die
Fremde schicken mussten, wurde darüber nichts erwähnt.
Von 1800 bis 1900 gingen von Graubünden aus, jedes Jahr etwa
600 bis 800 Kinder ins Schwabenland. Allein aus unserm Dorfe
waren es deren 40 bis 60. Die Abreise erfolgte an St. Josef (19. März)
die Rückkehr auf Martini oder an Sankt Katharina (11. oder 25.
November) In der Winterszeit gingen die jungen Leute während drei
Monaten zur Schule. In späteren Jahren, als die Kinder auf obrig-
keitlichen Befehl die Schulbank länger drücken mussten, war die
Abreise anfangs April, die Rückkehr auf Allerheiligen am 1.
November. Wollten sich einige schon vor Schulende verabschieden,
konnte es vorkommen, dass sie vom Landjäger in Ilanz aufgegriffen
und zurück geschickt wurden.
Natürlich gingen die Kinder nicht alleine auf die lange Reise, viel-
mehr wurde die Tour in Gruppen von 6, 8 oder auch 12 Kindern unter
Führung eines kundigen Reiseführers oder Reiseführerin unternom-
men. Einer der namentlich bekannten Führer in unserm Dorfe war
Balthasar Schnyder, in Schwaben war er als der «gross Baltis»
bekannt. Auch ein «Martatunni» machte den Schwabenvater. Bei den
Frauen gehörten «d Hannesmicheltrina, ds Stöffeltisch Baaba und ds
Chesslertrini» zu den bekanntesten Führerinnen. Die letzte, die bis
1909 während 30 Jahren ihre Schützlinge begleitete, war Christina
Schmid, besser bekannt als «d Badstina»
«ds Bünderli uf em Rügg
ds Stäckli in dr Hand,
O mi liaba Vatter
ich gan in ds Schwaabaland»
Dieses Verslein hat man beim Spielen oft gesungen. Und eines Tages
musste die Mutter das «Bünderli» für ihr Kind machen für die Reise ins
Schwabenland. Ein alter Salzsack wurde dazu verwendet. An beiden
unteren Enden ein Holzstückchen, eine Schnur oder ein Paar alte
Hosenträger drum rum und oben zugebunden, fertig war das