Seite 95 - Valser Geschichten

Basic HTML-Version

95
D Nachtbuoba
D Nachtbuoba, das war früher eine Art von Sittenpolizei.
Die jungen Burschen im Alter von 15 bis 20 Jahren nannte man
früher «Chnebelgsella». Erwachsen waren sie zwar schon, aber so
erwachsen, dass sie alles tun und lassen durften wie die ganz
Grossen, das waren sie wieder auch nicht. So durften sie unter ande-
rem nicht auf der Empore in der Kirche Platz nehmen. Diese Ein-
schränkung war noch zu ertragen. Schlimmer war das ungeschriebe-
ne Verbot sich mit einem jungen, ledigem Mädchen abends in dessen
Stube zu treffen.
«Ds Hengert gaa» nannte man diesen flotten Brauch.
Manch ein Jüngling liess sich von seinen Gefühlen leiten, mutig den
lauernden Gefahren ins Auge schauend begab er sich auf Besuch zu
einer unserer Dorfschönen. Das nun rief wieder die Nachtbuoba auf
den Plan. Mit alten Lumpen und mit von Gülle triefenden Säcken lau-
erten sie auf den Verliebten in dunklen Gassen, hinter Hausecken und
Holzbeigen. Ja es passierte, dass sie einen Jungen sogar aus der Stube
heraus holten. Mit den mitgebrachten Lumpen und stinkenden Säcken
traktierten sie den Liebesdürstigen. Die schöne Hose, das gute Kleid
des Unglücklichen, alles war dahin, kaputt, futsch.
Galt es in erster Linie Ordnung zu schaffen, wollte aber der eine
oder andere doch Rache nehmen an seinem jüngeren Konkurrenten.
Die Aktivitäten der Nachtbuoba erstreckten sich von Karsamstag-
Abend bis Ende November. Im Winter, wenn es so richtig kalt war,
durften auch unsere jungen Burschen unbehelligt ihre Angebetete in
deren warmen Stube besuchen.
Dr Sturz träga
Unter «Sturz träga» verstand man früher das Tragen von Trauerklei-
dung. Es galt als schicklich, oder auch als Erwartung an die Hinter-
bliebenen, dass man bei einem Todesfall in der Verwandtschaft
Trauerkleider trug.
Starb ein Elternteil oder ein Ehepartner, trug die Frau während
zwei Jahren den «Sturz», das heisst sie trug schwarze Kleidung. Als